Fünf Freiheiten

  • Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist,
    - anstatt das, was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
  • Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke,
    - und nicht das, was von mir erwartet wird.
  • Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen,
    - und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
  • Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche,
    - anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
  • Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen,
    - anstatt immer nur auf "Nummer sicher zu gehen" und nichts Neues zu wagen.

Virginia Satir

erste Schritte

Die Offene Jugendarbeit ist eine recht junge Disziplin. Der Start in der Schweiz kann 1968 verankert werden mit den Krawallen rund um das Globus-Gelände in Zürich. Daraufhin wurden die Anliegen der Jugend einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und in der Folge von politischen Vertretern aufgenommen und versucht entsprechende Räume zur Verfügung zu stellen. Was damals turbulent startete wurde im Laufe der Jahre breit abgestützt, professionell geführt und allgemein anerkannt. Dieser Artikel zeigt, dass das nicht selbstverständlich ist und früher nicht immer alles ruhiger und gesitteter war :-). Die ersten Schritte waren noch unbeholfen und der Dialog oft schwierig.

So kämpfte die Jugend auch in den 80er-Jahren nochmals für Freiräume. Diese Bewegung wurde im Film "Stadt in Bewegung" festgehalten (mit Auszügen aus verschiedenen Video-Beiträgen dieser Zeit, u.a. auch dem Kult-Film "Züri brännt"). Ab diesem Zeitpunkt wurden Jugendeinrichtungen errichtet und autonom oder unter Leitung von Fachpersonen geführt. Spezielle Lehrgänge für Betreuungspersonal wurden gestaltet und auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ausgerichtet.

Heute hat die Jugend (laut der Shell Jugendstudie 2019) andere Prioritäten als in den letzten Jahrzehnten. Einerseits sind Ängste vor Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung sowie Terror ganz vorne auf der Skala. Viele Jugendliche engagieren sich auch deshalb stärker in der Politik z.B. Fridays for Future . Zudem ist ein Trend zu erkennen, der weg von der klassischen Karriere führt und eher eine Beschäftigung ins Zentrum rückt, die wirklich erfüllt und dabei Verdienst nicht oberstes Ziel ist. Werte wie Familie und Freundeskreis haben stärkere Wirkung auf die Jugendlichen.

Grundhaltung

In der Jugendarbeit gibt es, genau wie in der Pädagogik im Allgemeinen, verschiedene Konzepte, Modelle und Methoden. Sie haben grundsätzlich dieselben Grundlagen, können sich aber in der effektiven Umsetzung erheblich unterscheiden.

Unsere Arbeit basiert u.a. auf den Konzepten des Dachverbandes der Offenen Kinder- und Jugend-Arbeit Schweiz DOJ. Hier der Link zu einem Grundlagenpapier

Spezielles in unserer Jugendarbeit

Grundpfeiler sind die Begriffe

Offenheit bedeutet, dass die OJA unterschiedliche Lebensstile akzeptiert, multikulturelle Vielfalt anerkennt und offen für die Bedürfnisse der Jugendlichen ist. Dabei verhält sie sich konfessionell und partei-politisch unbeteiligt.

Freiwilligkeit bedeutet, dass alle Angebote der OJA freiwillig und ohne Zwang sind.

Bildung bedeutet in der OJA ungeplante Lernprozesse, die im Alltag junger Menschen mehr oder weniger zufällig ablaufen und die keinem vorgegebenen Plan und Ziel folgen. Die OJA versteht sich dabei als gleichwertige, begleitende Partnerin.

Partizipation bedeutet die Beteiligung von Jugendlichen im Jugendtreff als auch auf Gemeindeebene. Die OJA stellt dafür Lernorte zur Verfügung. Wie die Partizipation stattfindet, wird in einem Aushandlungs-Prozess vereinbart.

Niederschwelligkeit bedeutet raschen und freien Zugang für alle Jugendliche der Altersgruppe zu gewährleisten. Dazu gehört das flexible und unbürokratische Bereitstellen und Gestalten von Freiräumen und Ressourcen.

Lebensweltliche Orientierung bedeutet die Ausrichtung an den Bedürfnissen und Lebenslagen von Jugendlichen im Gemeinwesen. Diese Orientierung bildet das grundlegende Denk- und Handlungsprinzip der OJA und erfordert entsprechende konzeptionelle und methodische Werkzeuge.

ZIele

Aufbauend auf diesen Grundpfeilern haben wir in Zusammenarbeit mit den Gemeinden Schlatt und Basadingen-Schlattingen sowie der Jugendkommission Leistungsvereinbarungen erstellt. Diese bestimmen in groben Zügen die Ausrichtung der Offenen Jugendarbeit. Die Leitung der OJA erarbeitet basierend auf diesen Papieren die operative Umsetzung. Dafür formuliert sie verschiedene Wirkziele. Um diese erreichen zu können stellen wir jedes Jahr unter ein bestimmtes Motto und evaluieren unsere Arbeit anhand dazugehöriger Kriterien. im 2020 war das Thema "Nehmen und Geben". Dabei thematisierten wir die Gegenleistungen auf allen Ebenen der OJA. Beginnend von den politischen Gemeinden über die Jugendarbeitenden bis zu den Jugendlichen. In jedem Bereich betrachteten wir ob die Balance von Leistung und Gegenleistung ausgeglichen erscheint. 

Für das Jahr 2021 heisst das Motto "Grenzen". Das bedeutet, dass wir untersuchen, wo es sinnvoll ist die bestehenden Grenzen einzuhalten und zu respektieren und wo eventuell eine Erweiterung des Spielraums und das Erkunden von Neuland angezeigt sein könnte.

Die einzelnen Projekte und Aktionen haben in irgendeiner Form mit diesem Motto zu tun. In der Evaluation berücksichtigen wir dann auch wie weit das Thema angewandt werden konnte und welche Auswirkungen daraus zu erwarten sind.

ÜBUNGSFELD

Innerhalb der OJA Diessenhofen verfolgen wir dabei stark das Konzept von Übungsfeldern. Wir trauen den Jugendlichen zu, für sich und andere zunehmend Verantwortung zu übernehmen. Dafür bieten wir entsprechende Freiräume an. Darin können die Jugendlichen das Miteinander erproben, Regeln aufstellen und für deren Einhaltung sorgen. Dabei dürfen auch Fehler geschehen und Grenzen überschritten werden. Ziel ist es das persönliche Sozialverhalten zu optimieren und selbständig in die Lage zu gelangen, Verhalten so zu gestalten, dass es zum individuellen und gesellschaftlichen Mehrwert wirken kann. Dieser Prozess ist oft kompliziert und mit einigen Stolpersteinen bestückt und dauert das ganze Leben an. Grund genug möglichst früh damit zu beginnen. Wir gehen davon aus, dass Jugendliche grundsätzlich aus positivem Beweggrund handeln, aber auch manchmal in Schwierigkeiten kommen oder vom Weg geraten können. Dabei versteht sich die OJA als stützende Begleitung und agiert nicht strafend, sondern aufgrund von vereinbarten Konsequenzen. Es geht aber immer um eine lösungs- und ressourcen-orientierte Haltung verknüpft mit einem positiven Menschenbild. In der OJA gibt es keine Defizit-Orientierung, sondern eine Ausrichtung an den vorhandenen Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Gewalt

Der Jugendtreff der OJA ist sehr gut frequentiert. 100 Jugendliche besuchen den Treff regelmässig. Oft ist nur eine Betreuungsperson anwesend. Dass dies möglich ist, verdanken wir dem Verhalten der Jugendlichen. Hier dürfen wir Ihnen und den Jugendlichen herzlich gratulieren! Wir anerkennen, wie Jugendliche sich gegenseitig begrüssen und mit einander umgehen. Im ganz grossen Umfang ist dieser Umgang freundschaftlich und unterstützend. Auch scheint es, dass für viele die Kollegen, die beste Freundin oder der beste Freund, wichtigste Bezugspersonen sind. Es gibt zurzeit keine rivalisierenden Gruppierungen im Bereich des Treffs. Natürlich gibt es auch mal Auseinandersetzungen und es kann auch geschehen, dass das handgreiflich ausgetragen wird. Den Jugendlichen ist aber sehr bewusst, dass dies im Jugendtreff ein "No Go" ist. Aber vor allem auch ist die Stimmung eher einem Miteinander zugewandt als einem Rivalisieren. Viele sind auch bemüht andere vor Fehlern zu bewahren und unterstützen sie auf ihrem Weg. Diese Haltung ermöglichst es uns auch den Treff so weiterzuführen und den Jugendlichen vermehrt Verantwortung zu übertragen. Viele von ihnen haben uns bewiesen, dass sie dazu in der Lage sind. Herzlichen Dank!

Zudem beobachten wir auch, dass im Treff hauptsächlich Fifa gespielt wird und Gewalt-Games zurzeit scheinbar weniger Attraktion ausüben. Aber für eine Verallgemeinerung ist es noch zu früh.

Cannabis

Wir stellen fest, dass bei den Jugendlichen, mit denen wir regelmässig Kontakt haben, einige Erfahrungen im Konsum von Cannabis haben. Die Droge wird teilweise bereits ab der ersten Oberstufe konsumiert. Diese Jugendlichen wissen ziemlich genau, wo und bei wem sie die Droge erhalten können. Auch nationale und internationale Studien zeigen, dass rund 30% der Jungs und 20% der Mädchen Erfahrungen im Konsum von Cannabis haben.

Die meisten Jugendlichen geben an, dass sie Cannabis konsumieren um den Alltag-Stress besser bewältigen zu können. Dieser Konsum hat eine gewisse Normalität erreicht und stellt unter Jugendlichen nichts Aussergewöhnliches mehr dar. Ihnen ist bewusst, dass die Droge illegal ist und haben Wege gefunden damit umzugehen. Gesundheitliche Risiken sind dagegen eher kein Thema in dieser Altersgruppe.

Es ist verständlich, dass Sie als Eltern sich um das Wohl Ihres Kindes sorgen. Auch deshalb erscheint es uns ratsam, dass Sie Bescheid wissen und die Gefahren etwas einschätzen können. Manche Jugendliche konsumieren nur gelegentlich und haben das Verhalten "im Griff". Andere kiffen täglich und die Droge übernimmt eine dominante Rolle. Bei Einzelnen kann auch angenommen werden, dass es sich um "Selbst-Medikamentierung" handelt und der Konsum zur Abschwächung von Symptomen oder zur Stärkung vorgenommen wird. In einigen Staaten kann Cannabis deshalb auch in der Therapie bei ADHS oder Depression eingesetzt werden (gilt aber nach Studien nicht als ideale Verabreichung im Vergleich zu anderen Produkten). Der Konsum kann so auch Anzeichen dafür sein, dass Ihr Kind die Problematik in diesem Bereich erkannt hat und selbst nach Lösungen sucht. 

Welchen Einfluss Cannabis auf die persönliche Situation hat, kann nicht generell beantwortet werden. Wie es im Einzelfall steht kann am besten in einem vertrauensvollen Gespräch geklärt werden. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass regelmässiger, übermässiger Konsum in der Pubertät irreparable Schäden an Psyche und Gehirn bewirken kann. Auch ist zu bedenken, dass "Gras", welches heute auf dem Markt erhältlich ist, bis zu 30-mal stärker wirkt, als Cannabis noch vor einigen Jahren.

Die Droge wird kaum mehr aus der Gesellschaft zu entfernen sein und wir sind gefordert einen verträglichen Umgang damit zu finden. Die OJA vertritt hier keinen sanktionierenden Standpunkt. Vielmehr suchen wir auch bei diesem Thema das Gespräch mit den Jugendlichen und erörtern Strategien im Umgang mit der Droge und evtl. Möglichkeiten der Reduktion oder dem Ausstieg. Nach unserer Beobachtung ist dies in der Anfangsphase eher schwieriger, weil Bedenken bei Seite geschoben werden. Später, nach den ersten Erfahrungen, ist es möglich auch über negative Erscheinungen zu diskutieren und Verbesserungen zu erzielen. Dazu empfehlen wir auch die zuständigen Fachstellen.

Alkohol

Alkohol spielt bei den allermeisten Jugendlichen, rund um den Jugendtreff, eine eher geringe Rolle. Zwar haben einige auch schon konsumiert, aber wir stellen so gut wie keine Regelmässigkeit fest. Beinahe die gesamten Getränke-Flaschen und -Dosen auf unserem Areal bestehen nur aus Süssgetränken und Alkohol-Labels sind höchst selten darunter. Daraus schliessen wir, dass auch ausserhalb der Öffnungszeiten kaum Alkohol konsumiert wird. Diese Entwicklung scheint sehr positiv. Trotzdem ist gerade auch deshalb eine Prävention-Arbeit auch in Zukunft wichtig und wertvoll. Für das Jahr 2021 planen wir eine Kampagne in diesem Bereich und stellen einen entsprechenden Antrag an das "Alkohol-Zehntel".

Tabak

Rauchen ist leider immer noch ein grosses Thema in unserer Gesellschaft. Auch viele Jugendliche in unserem Einflussgebiet konsumieren Tabak. Gerade auch in jungen Jahren, beginnend in der ersten Oberstufe. In den letzten Jahren wurden auch E-Zigaretten immer wichtiger auf dem Markt. Sehr in Mode zurzeit ist auch das Shisha-Rauchen. Oft wird argumentiert, dass das Eine weniger schädlich als das Andere sei. Über E-Zigaretten gibt es noch relativ wenige Studien, da die Produkte sich auch immer schneller verändern. Grundsätzlich ist aber klar festzustellen, dass jede Art von Rauchen in hohem Masse gesundheitsschädlich wirkt.

Obwohl der Staat seit vielen Jahren versucht durch Regulierung in der Werbung und im Verkauf dem Konsum entgegen zu wirken, halten sich die Produkte eisern in der Gesellschaft. Nach einem Abflauen steigt der Konsum bei jüngeren Altersgruppen sogar wieder an.

Stark zu bleiben und der Versuchung zu widerstehen, stellt für die Jugendlichen heute eine sehr grosse Herausforderung dar. In den meisten Bereichen des Konsums hat die Werbe-Industrie die Jugend als grössten Markt deklariert. Es scheint, als "Gegenmittel", die wichtigste Waffe zu sein, Selbstbewusstsein und Stärke zu unterstützen. 

Auch im Bereich Rauchen wird es wohl immer noch sehr schwierig sein, diese Produkte zu entfernen. So scheint es effizienter zu sein, in die Stärkung der Jugendlichen zu investieren. Zurzeit arbeiten wir an einem Modell der "Belohnung" für Jugendliche, welche bereit sind auf negativen Konsum zu verzichten. Dabei gehen wir davon aus, dass positive Bestärkung effektiver wirkt als Sanktion. Anfangs 2021 möchten wir dieses Modell vorstellen. Dabei gehen wir davon aus, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass Jugendliche widerstehen können. Im Gegenteil ist es eine erstaunliche Leistung. Natürlich ist es optimal wenn Jugendliche dies aus Eigeninteresse umsetzen. Aber warum sollen wir nicht auch mit Anreizen den Prozess unterstützen?

Im Jugendtreff pflegen wir zurzeit einen Kompromiss. Dies mit gemischten Gefühlen. Als überzeugte Nichtraucher sind wir uns der gesundheitlichen Gefahren sehr bewusst. Andererseits wissen wir, dass viele Jugendliche rauchen und bereits süchtig sind. So ist zwar im Jugendtreff und im grössten Teil des Aussen-Geländes das Rauchen verboten, aber in einem Teil davon ein Bereich markiert, welcher den Konsum zulässt. Dieser ist gedacht für die Jugendlichen, welche bereits stark abhängig sind und nicht so einfach auf den Konsum verzichten können. Uns ist dabei bewusst, dass dies animierend auf andere wirken könnte. Aber wir gehen davon aus, dass die Versuchung in den Peer-Gruppen ohnehin vorhanden ist. Wir beobachten die Situation zurzeit und werden dies auch in unserem Modell berücksichtigen.